Meinung - Zwischen Krise und Zuversicht
Zwischen Krise und Zuversicht
Zur Architekturentwicklung in Deutschland Zu keiner anderen Zeit gab es ein ebenso weites wie heterogenes Feld an Strategien und aktuellen Positionen zur Architektur. Selbst Fachleuten fällt es mittlerweile schwer, den Überblick zu behalten: Rationalismus und Minimalismus, Blob und Box, diverse Regionalismen und Traditionalismen – das Bauen bewegt sich heute irgendwo zwischen einem vermeintlichen anything goes und einem restriktiven state of the art. Die Suche nach Identität im Hinblick auf die Globalisierung mit ihren Tendenzen zur kulturellen Überformung und eine zunehmende Pluralisierung der Lebensstile führen ebenso wie neue technologische Möglichkeiten zu einer unüberschaubaren Vielfalt an architektonischen Konzepten. So wird auch das aktuelle Bild der Architekturentwicklung in Deutschland von einer verdichteten Mischung und dem Miteinander von Gegensätzlichem geprägt. Dabei ist die Situation für deutsche Architekten vor dem Hintergrund der technischen und ökonomischen Rahmenbedingungen schon schwierig genug: Die Lage im Bausektor schien sich nach langer Konjunkturschwäche erst allmählich zu bessern, doch nun treffen die jüngsten wirtschaftlichen Entwicklungen diese Branche im Besonderen; Planungsaufträge gehen erneut zurück, während gleichzeitig die Komplexität der verbleibenden Bauaufgaben zunimmt. Ein deutliches Überangebot an Architekten erschwert zusätzlich die Auftragssuche. Bedürfnisse im Wandel Im Hinblick auf die schwierige Auftragslage für Architekten empfehlen vermeintliche Experten, den Service- und Dienstleistungsaspekt zu betonen und stärker auf die gegenwärtigen Bedürfnisse des Marktes und der Nutzer einzugehen. Doch wie sehen diese Bedürfnisse aus? Der fundamentale Wandel der Lebensstile und Arbeitswelten in einer Zeit der Individualisierung verbunden mit einem durchgreifenden demografischen Wandel macht es immer schwieriger, aktuelle Anforderungen zu lokalisieren und in zeitgemäße Architektur zu übersetzen. Ein ausgeprägtes Bewusstsein für die heutigen Notwendigkeiten eines nachhaltigen Bauens führt dabei zu einem ökologisch orientierten Verständnis von Konstruktion und Technik – jenseits traditioneller Vorstellungen vom „ökologischen Bauen“, aber auch im Gegensatz zur High-Tech-Architektur der 70er-Jahre. Technik wird hier nicht zur Schau gestellt, sondern auf subtilere Weise in den Entwurf integriert, um die ökologisch-energetischen Randbedingungen von Architektur zu optimieren. Hinzu tritt das Bedürfnis nach vielfältigeren Nutzungsmöglichkeiten. Sie entsprechen neuen Formen des Zusammenlebens, die u.a. den demografischen Veränderungen folgen, und berücksichtigen Verschiebungen im Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit, die auch von neuen technologischen Entwicklungen und Medien beeinflusst werden. Strategien der Differenz Die aus diesen komplexen Anforderungen resultierende Verunsicherung führt jedoch keineswegs zur Resignation, sondern vielmehr zur Entwicklung ganz unterschiedlicher kreativer Herangehensweisen. Strategien der Differenz waren in den letzten Jahren eine häufige Reaktion auf die zunehmend schwieriger werdende Situation. Eine jüngere deutsche Architekten-Szene widmete sich angesichts mangelnder Bauaufträge selbstgestellten Themen, die außerhalb institutionalisierter Strukturen und in verschiedenen Projekten bearbeitet wurden – von Medienfassaden über demontierbare Häuser bis hin zu Zwischennutzungen. In Symposien, Ausstellungen und Publikationen wurden die ökonomischen und politischen Hintergründe von Architektur debattiert und in die Öffentlichkeit getragen. Dieser Flucht in theoretische Positionen und temporäre Architekturkonzepte stehen differente Entwurfsansätze gegenüber, die sich vom Mainstream abheben und gerade dadurch dem zunehmenden Bedürfnis des Marktes nach prägnanten Bildern entsprechen. Angesichts der Globalisierung mit ihren Tendenzen zur Vereinheitlichung fühlen sich insbesondere jüngere Architekten herausgefordert, ihre Gestaltungskompetenz auf eine eigene und wiedererkennbare Formensprache zu fokussieren. Aspekte wie Identität und Individualität gewinnen dabei mehr und mehr an Bedeutung und befördern neue, ikonografische Formensprachen, die sich nicht mehr in isolierten Stilbegriffen fassen lassen. Konsequenz ist die Auflösung tradierter disziplinärer Grenzen, sowohl zwischen Architektur und anderen kreativen Disziplinen wie zwischen Architektur und Herstellern bzw. Industrie. Letztere spielen eine entscheidende Rolle bei der Innovation und Erprobung neuer Technologien und Materialien. Sie ermöglichen durch vielfältige Kooperationen die Entwicklung von Prototypen etwa im Bereich des Designs, die von dort aus prägend auf die Architektur im Ganzen wirken und z.T. sogar neue Vorstellungen ganzheitlich gestalteter Gesamträume einschließlich aller Details begründen, und treten zugleich selbst als innovationsbereite Bauherren mit Vorreiterfunktion für eine aktuelle Architektur auf.
Meinung - Zwischen Krise und Zuversicht
Corporate Architecture Dass spektakuläre Firmenarchitektur das Renomee und die Marktpräsenz eines Unternehmens steigert, ist spätestens seit dem Engagement von Frank O. Gehry und Zaha Hadid für den in Weil am Rhein ansässigen Möbelhersteller Vitra bekannt. Aktuell sind es vor allem die deutschen Automobilhersteller, die mit bildkräftiger Architektur als Mittel zur Gestaltung von Firmenidentität nach vorn treten. Avantgardistische Entwürfe als imageprägende Elemente der Unternehmensstrategie sollen nicht nur Wertvorstellungen baulich transportieren, sondern stehen ebenso für Innovationsfreude und die Beherrschung komplexer Technologien. In diesem Zusammen- hang ist es nicht verwunderlich, dass bei den jüngsten Projekten der Autobauer in erster Linie solche Architekten zum Zuge kommen, deren Entwürfe aufgrund ihrer komplexen Raumkompositionen noch vor Kurzem als nicht realisierbar galten – und zu denen allerdings kaum deutsche Architekten zählen: Ob bei Zaha Hadids Leipziger Zentralgebäude und dem ebenfalls von ihr konzipierten Science Center in Wolfsburg, ob bei Ben van Berkels Stuttgarter Mercedes-Benz Museum und dem Porsche-Museum von Delugan Meissl oder bei der Münchner „BMW-Welt“ von Coop Himmelb(l)au – überall geht es um eine möglichst Aufsehen erregende Inszenierung. Die umfassende Rezeption nicht nur in der Fachpresse zeigt, dass dieses marketingstrategische Kalkül durchaus erfolgreich ist. Komplexität und Kontingenz In ihrer einzelnen Ausprägung wie in ihrer Relevanz, die weniger auf Fragen des Raums als vielmehr auf Leitbildern und Aspekten von Emotionalität und Atmosphären basieren, eint all jene Entwicklungen, dass sie zum Thema der Individualität zurückführen, das seinerseits auf die Herausforderungen einer im höchsten Maße komplexen und kontingenten Gesellschaft verweist. Mit der mangelnden Verlässlichkeit einstmals routiniert zu beschreitender Berufslaufbahnen und der Gleichzeitigkeit unterschiedlichster kultureller Einflüsse im globalen Maßstab geht eine Zunahme an Wahlmöglichkeiten und auch -zwängen einher, die von einem Verlust an übergreifenden, sinnstiftenden Elementen begleitet wird. Kriterien für Qualität sowie Qualitätssicherung werden sich zunehmend anders messen lassen müssen als nur innerhalb des einstmals viel klarer umrissenen Feld der architektonischen Disziplin. Ralf Ferdinand Broekman Herausgeber build Das Architekten-Magazin www.build-magazin.com |
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